Machmut im Bootcamp
8 01 2008Man kann darüber denken wie man will. Hattest du schon so ein Erlebnis? Du gehst etwas angeheitert durch die Nacht und auf einmal kommen dir drei oder vier dunkele Gestalten entgegen. Es fängt ganz harmlos an: „Haste mal ne Kippe”. Völlig unabhängig von der Laune des Fragestellers und der Antwort die er bekommt findet man sich keine Minute später in einem Handgemenge wieder, dass in eine zünftige Schlägerei ausartet. Meist hat man selbst dabei gelitten, da man alleine gegen mehrere meistens der Doofe ist.
Und jetzt? Jetzt hat man ein dickes Auge/Wange/alles Andere und fühlt sich scheiße. Diese Missstände in unserer heutigen Gesellschaft will Herr Koch nun angehen. Boot-Camps für Jugendliche sollen es richten. Lager in denen Straftäter mal so richtig zusammengeschissen werden, ganz nach amerikanischem Vorbild. Drill und Leibesübungen sollen die aus dem Netz gefallenen, wieder in ein normales Leben integrieren. Gerne werden hierfür Jugendliche mit Migrationshintergrund (Lieblingswort 2007) angeführt. Wir begleiten kurz meinen imaginären Freund Machmut durch sein Leben hier in Deutschland.
Machmuts Eltern kommen aus der Türkei. Der Vater spricht nur schlechtes Deutsch und die Mutter kann die Sprache kaum bis gar nicht. Machmut selbst ist hier zur Welt gekommen und hat die ganz „normale” Kindergarten- und Grundschulzeit durchlaufen. In dieser wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Deutschkenntnisse zwar schwach aber nicht hoffnungslos sind. Jetzt ist es so weit. Die Wahl der weiterführenden Schule ist an der Reihe und Machmut bemüht sich so gut es geht unterzukommen. Eine Gesamtschule nimmt Ihn auf und er findet schnell Freunde. Alles Jungs und Mädels aus ähnlichen Familien, ein paar, wie sagt er immer, Kartoffeln darunter. Machmut hat wenig Spaß auf der Gesamtschule, da er, wenn er mal da ist, Probleme mit den Lehrern hat, Probleme auf dem Schulhof hat und sowieso schlechte Noten bekommt. Das Mittel der Schule ist nach ein paar Elterngesprächen, der Rausschmiss aus der Schule.
Machmut hat sowieso keinen bock mehr auf diese alten knöcherigen Lehrer, die immer alles besser wissen und ihn bevormunden wollen. Sein Deutsch ist ähnlich schwammig wie sein Türkisch und er lebt zwischen den Kulturen. Nicht zuletzt, weil es Ihn nicht interessiert.
Er ist noch schulpflichtig und so muss er den Weg zu Hauptschule antreten. Wieder findet er Gleichgesinnte mit der Nullbock Mentalität. Auf dem Schulhof ist er der King, da er sein fehlen in der Schule durch pumpen in der Fitnessarena wettmacht. Keiner kann Ihm hier befehlen und keiner kommt Ihm krumm. Wer sich nicht dran hält wird schnell merken, dass es besser für die Gesundheit wäre wenn man sich daran hält. Weil was Machmut in der Schulzeit wirklich gelernt hat ist, dass man, wenn man stärker ist, auch automatisch Recht hat.
Machmut bewirbt sich auf mehrere Ausbildungsstellen, wird aber nicht einmal eingeladen zum Vorstellungsgespräch. Er ist einer dieser Arbeitssuchenden ohne Ausbildung und lungert deshalb die meiste Zeit des Tages auf der Straße herum. Was soll man auch machen? Zu Hause ist es langweilich.
Samstag Abend 22:30 Uhr: Machmut und zwei Kumpel wollen mit der U-Bahn zur nächsten geilen Party fahren. Einfach abschalten von der Woche und denen davor. Was bildet sich der Opa da ein? Wie Kippe aus? In der U-Bahnstation nicht rauchen? Wieso? Du hältst nicht dein Maul? Tilt - Aufs Maul, weil der Stärkere hat Recht, wie auf dem Schulhof.
Er wird dabei gefilmt und da er schon mehrmals straffällig geworden ist, auch schnell überführt. Jetzt geht es ab ins Bootcamp. Hier ist er unter Gleichgesinnten. Alles Jugendliche mit gewalttätigem Hintergrund. Aber hier im Camp sind sie gleich.
In wenigen Wochen wird in diesen Camps das Übel an der Wurzel gepackt, denn jaaaahaaa Machmut war schon immer böse. Es geht hierbei nicht um fehlende Integration oder Perspektivenlosigkeit, nein Machmut ist einfach böse. Er wurde wahrscheinlich böse geboren. Aber jetzt ist Machmut integriert und ein Teil der Gesellschaft. Denn wenn er das Camp gemeistert hat bekommt er spielend leicht Arbeit oder Ausbildung. Dann ist Schluss mit der Langeweile und dem rumlungern. Ja dann kann Machmut sagen: „Wow, das hat es mir gebracht. Wenn der Opa jetzt sagt Kippe aus. Mach ich die aus. Nein - Ich zünde mir erst gar keine an, da wo es nicht erlaubt ist.”
Wo fängt die Integration an? Bei der türkischen Nachbarsfamilie, die den Gruß im Hausflur erwidert? Bei dem undurchsichtigen Kaffee um die Ecke wo geschrieben steht: „Deutsch - Türkischer Kulturverein”? Was ist Integration? Wie zeigt sie sich?
Perspektive? Was hat man für eine Perspektive mit 23 Jahren, als arbeits- und ausbildungsloser Jugendlicher hier in Deutschland? Antworten? Die Klasse?









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